Diskussionsveranstaltun: Sind die Arbeiter noch Klasse?

Montag, den 22. Juli 2013

Auf einer gut besuchten Veranstaltung der DKP­ Gruppe Langenhorn ­Fuhlsbüttel wurde die Frage erörtert: Sind die Arbeiter noch Klasse? Haben sie noch Kraft? Die speziellen Themen waren "Arbeitshetze, Stress, Erschöpfung und BurnOut". Referent: Holger Schultze.

 

DIE MEDIEN

Es wurde darauf hingewiesen, dass die öffentliche Meinung zu diesem Thema überwiegend durch die Medien bestimmt wird, die Print­Medien und die Elektronischen Medien. Diese sehen "Arbeitshetze, Stress, Erschöpfung und BurnOut" überwiegend als ein Problem einzelner Personen. Bei den Medien wird nicht auf die Ursache dieses Problems hingewiesen. Wenn über eine Einzel­Person berichtet wird, dann ist dies meist eine prominente Persönlichkeit ­ über einen Arbeiter oder eine Arbeiterin wird in der Regel nicht berichtet ­ wer für ihre katastrophale Lebensbedingung verantwortlich gemacht werden muss. Die Unternehmen werden in den Medien nicht an den Pranger gestellt, weil die Unternehmen die Anzeigen­Kunden der Print­Medien sind, also die Print­Medien finanzieren.

Es wird nur Bezug genommen, auf die Lebensbewältigung von Einzel­Personen. Wenn ein/eine Beschäftigte(r) mit seinem Problem zum Hausarzt geht, weißt dieser nur auf die Möglichkeit hin, z.B. mit "AT" seinen Stress in den Griff zu bekommen. Es wird nie ein Bezug hergestellt, zu den Arbeitsbedingungen über die ein Unternehmen bestimmt, und warum ein Unternehmen an diesen Arbeitsbedingungen ein Interesse hat. Der Alltag einer Arbeitskraft wird so dargestellt, als ob das Alltagsproblem ein Problem der einzelnen Arbeitskraft ist. Der Bayern­Manager Uli Hoeneß soll von sich gesagt haben: "Ich drehe mich nachts auf die linke Seite, drehe mich auf die rechte Seite, habe Alpträume, schwitze und fühle mich in Schwei? gebadet ... ich wälze mich die ganze Nacht im Bett; wenn ich morgens aufstehe fühle ich mich nach einer Stunde kaputt und schon wieder müde". Das sind aber vermutlich seine Alpträume, wegen seiner Schwarzgelder in der Schweiz.

MEDIEN­BERICHTE

Es gibt dann mal eine Ausnahme einer Journalistin, die eine Woche in einer Küche gearbeitet hat in einem Spülmaschienenfließband. Sie beschreibt diese Arbeit als nicht zu bewältigen, weil mit zu wenigen Arbeitskräften das Unternehmen verlangt, dass die Arbeit von den Beschäftigten geschafft wird. Sie kann ihren Bericht mitfühlend schreiben, wie die Arbeitskräfte ausgebeutet werden, aber nach einer Woche sie ist dann aus dem Stress und der Knochenmühle heraus. Wüsste sie, dass sie diese Arbeit machen muss, bis sie in Rente geht, hätte sie nicht die Möglichkeit sich zu erholen und über ihre Situation nachzudenken. Man kann sich nun fragen: Ist dieser Bericht nun ein Feigenblätt für dieses eine Print­ Medium?

UNTERNEHMEN und ihre SICHT

Die Chefs der Unternehmen selbst, sehen das Problem als nicht in ihren Unternehmen angesiedelt. Aus den Unternehmen ist die Ansicht zu hören: "Arbeit ist anstrengend aber kein Raubbau." Sie schieben die Ursache der Medizin zu: "Es gibt mehr psychisch Kranke, weil es mehr diagnostiziert wird." Im Managment eines Unternehmens wird dann von "Verschwendungsfreier Wirtschaftung" geredet. Um die Arbeitsintensität zu erhöhen wird von den Unternehmen die Hetze und Ausbeutung in kauf genommen. Der Chef des BDI (Bund der Deutschen Arbeitgeber) redet von "Wettbewerbsfähigkeit" die möglich ist, wenn die Lohnkosten und die Lohnnebenkosten gering sind. Und um die Arbeitsintensität eines Unternehmens zu erhöhen wird verlangt, die "Bürokratie" abzubauen.

Einer lohnabhängige Arbeitskraft versucht man eine Sicherheit zu bieten und auch dem Unternehmen selbst, mit der Berufsgenossenschaft, die die lohnabhängigen Arbeitskräfte in bestimmten Krankheitsfällen absichern und auch die Unternehmen ­ aber die Berufsgenossenschaften werden von Arbeitgebern finanziert, und diesem Umstand entsprechend wird den lohnabhängigen Arbeitskräften geholfen.

Um es in den Unternehmen gar nicht erst zu Arbeitsunfällen, Krankenausfällen u.s.w. kommen zu lassen, werden den Beschäftigten Angeboten gemacht: wie z.B.: ­ Die Post bietet ihren Beschäftigten ein "I­learning­tool" an. ­ Damit will sie den Beschäftigten die Möglichkeit anbieten, zu einem erfüllten Leben zu kommen -  ­ es zielt aber auch darauf ab, zu einem erfolgreichen, profitablen Managment für das Unternehmen POST zu kommen.

Oder ein Unternehmen bietet den lohnabhängig Beschäftigten eine "Kernarbeitszeit" an, die festgelegt ist. Eine Arbeitskraft hat nun die Möglichkeit ihre vereinbarte Arbeitszeit der "Kernarbeitszeit" voran zu stellen oder diese hinten anzufügen ­ arbeiten muss sie trotzdem und ihre Leistung erbringen.

Damit wird eine gewisse Flexibilität gegenüber den Beschäftigten vorgetäuscht. Niedecker­Marzipan lässt die Beschäftigen am Arbeitsplatz Strechingübungen machen, um die Beweglichkeit der lohnabhängig Beschäftigten zu erhalten, und deren Flexibilität im körperlichen als auch im geistigen Bereich.

Das DAX­Unternehmen PORSCHE macht einerseits Gewinne durch den Verkauf von Autos, die die lohnabhängig Beschäftigten für PORSCHE zu günstigen Löhnen herstellen, und damit die AKTIONÄRE befriedigt. Aber das DAX­Unternehmen PORSCHE macht seine Gewinne nicht nur mit dem Verkauf von Autos, sondern die PORSCHE­BANK hat Gelder in anderen Unternehmen auf dem Aktien­Markt angelegt, um die Dividente der PORSCHE­AKTIE für die Aktionäre zu steigern und weiter zu befriedigen. DIE ARBEIT Vergleichend mit den 70­er­Jahren können heute die Gewerkschaften mit ihren Mitglieder keine Verbesserungen mehr durchsetzen ­ damals haben die Unternehmen begonnen Arbeitsplätze abzubauen, und durch Entlassungen die Arbeitslosigkeit geschaffen und in Jahrzehnten mehr und mehr erhöht. Heute ist die Situation am Arbeitsmarkt geprägt durch die hohe Arbeitslosigkeit, durch Hartz IV, durch Leiharbeit, durch Minijobs, durch Mindestlöhne, den Niedriglohnbereich, und durch Aufstockung der Mindestlöhne. So entstanden die gewollte "Arbeitshetze, Stress, Erschöpfung und BurnOut". Die Angst vor der Arbeit und dem Arbeitsplatz ist so gro?, weil diese Angst dem/der lohnabhängig Arbeitenden im Nacken sitzt. Burn Out entsteht dann bei den lohnabhängig Beschäftigten, die noch einen Arbeitsplatz in einem Unternehmen haben – sie haben die Angst im Nacken, arbeitslos zu werden, ihre Lage erscheint ihnen aussichtslos. Burn Out ist eine Verharmlosung und eigentlich eine Depression.

Nun ein paar einzelne Daten, die die prekäre Situation der Beschäftigen zu deutlich machen:

  • Von 1991 bis 2011 mussten die Arbeitskräfte immer mehr Leistung bringen ­ die Arbeitsproduktivität wurde gesteigert.
  • 4 von 10 Beschäftigten haben Burn Out, und davon sind etwas mehr als 50% Frauen.
  • 10 Stunden und 45 Minuten ist die höchste Arbeitszeit bei den Postzustellern.
  • Im Stress­Report von 2012 wird die durchschnittliche Arbeitszeit mit 43,5 Stunden angegeben.
  • Von der Beschäftigten in der BRD ist der Anteil an der Nachtarbeit von 13,9% auf 14,6% gestiegen.
  • 8,9 Millionen Arbeitskräfte arbeiten an Sonn­ und Feiertagen.
  • Personen, die im Softwarebereich arbeiten, müssen Tag und Nacht ereichbar sein ­ auch wenn sie im Bett schlafen.
  • Gesetzliche Pausen werden von den Beschäftigten ausfallen gelassen um das Arbeit­ Soll zu erreichen.
  • Von denen die die volle Wochenarbeitzeit arbeiten und davon leben können, müssen mehr arbeiten als sie zum Lebensunterhalt brauchen.

GEWERKSCHAFTEN

Die Gewerkschaften befinden sich in der Situation, dass sie eigentlich nur für die lohnabhängig Beschäftigten und deren Interessen zur Verfügung stehen. Heute sehen sie sich nur noch in der Lage, mit den Arbeitgeberverbänden sich mehr oder weniger die Tariflohnerhöhungen diktieren lassen zu müssen. Und in verschiedenen Bereichen gibt es keine Tariflöhne. Wenn Gewerkschaften eine Aktion planen, dann fragen sie sich zunächst ob denn eine Aktion einen Aussicht auf Erfolg hat. Sind sie der Ansicht ­ wird gesagt ­ dass die Aktion keinen Erfolg bringt, wird die Aktion abgeblasen. Eine SPD­Politikerin aus Hamburg meinte mal, den Unternehmen fehlten Hinweise wie man eine Arbeitsplatz­Situation verbessern kann. Verdi machte eine Betriebsräte­Befragung und sieht den Arbeitsstress als Zeitbombe. Letztlich müssen wir uns die Frage stellen: "Warum wollen die Gewerkschaften und ihre Führung nur immer ein Stücken der Torte? ­ Warum wollen sie nicht die ganze Bäckerei?“ WAS TUN? Der Anfang von Solidarität am Arbeitsplatz ist nur dann möglich, wenn die lohnabhängig Beschäftigten die Einzelheiten ihren Arbeitslebens miteinander austauschen. Das Erlebnis von Solidarität würde einer Arbeitskraft seine Aussichtslosigkeit mildern.

Wir können uns die Frage stellen, ab welcher Höhe wir einen Mindestlohn wollen? Und ist ein Mindestlohn von 8.­ Euro eine Alternative? Wir müssen feststellen, dass bei einem Mindestlohn von 8.­ Euro dieser für eine Rente von etwa 800.­ Euro im Monat reicht, wenn man denn das Rentenalter erreicht ­ mit 67 Jahren oder 70 Jahren oder noch später. Eine Alternative wäre eine Wochenarbeitszeit von 30 Stunden bei vollem Lohnausgleich.

Es wurde darauf hingewiesen, dass man fragen muss, wie man als Marxist seine eigene Arbeit sieht?

Frage: Wie wird der Begriff Arbeit definiert. Es wird gesagt, der Begriff "Arbeit" muss aus marxistischer Sicht gesehen werden: Arbeit ist Lohnarbeit. Die Arbeit wird von Firmen bestimmt. Die Arbeitsverhältnisse sind auch eine Frage der Klassenverhältnisse. Wir müssen nicht nur 30­ Stunden­Woche propagieren ­ bevor gestreikt wird, muss man aufklären. Wenn wir Forderungen durchsetzen, müssen wir auch immer berücksichtigen, wie das Kapital reagiert. Und wir müssen nochmal die Frage stellen: "Wollen wir nur ein Stückchen der Torte? ­ oder wollen wir die ganze Bäckerei? Und wenn wir die Bäckerei besitzen, können wir wieder fragen: "Sind die Arbeiter noch Klasse?"