Anschlag auf Naziopfer

Dienstag, den 25. September 2012
Zur Enthüllung eines Mahnmals für die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die während der Nazi-Herrschaft in zahlreichen Betrieben in Bergedorf zur Arbeit gezwungen worden waren und unter unwürdigen Bedingungen leben mussten, waren einige der wenigen noch lebenden Männer und Frauen aus Polen nach Bergedorf gekommen. Kaum hatte die Veranstaltung begonnen, sprang ein Mann auf die Ehrengäste zu und besprühte sie mit Pfefferspray. Die alten Herrschaften mussten vor Ort und im Krankenhaus ärztlich behandelt werden und reisten schockiert ab.

Schnell wurde der Täter zu einem „Irren“ und „Einzeltäter“ erklärt, der das Bild des neuen Deutschland und das Bild der heutigen toleranten Deutschen verzerrt hätte. Die Redner mahnten, dass das Unrecht, das den Zwangsarbeitern damals geschehen sei, niemals vergessen werden dürfe, damit so etwas niemals wieder geschehe. Gut so. Aber war nicht gerade eben etwas geschehen, das den Gästen ganz aktuell das Deutschland vor siebzig Jahren in Erinnerung rufen musste? Gut, es war niemand zu Tode gekommen. Der Täter wurde festgenommen und nicht wie damals von der Staatsmacht unterstützt. Aber wie kommt jemand darauf, den Gästen, die in ihrer Jugend der Nazi-Barbarei entkommen waren, so demonstrativ zu zeigen, dass sie auch heute bei uns nicht willkommen sind? Der Rassismus, das Herrenmenschentum hat in der heutigen Gesellschaft eine solide Basis.

Ist es nur die bornierte Weltsicht einer nicht ganz kleinen Minderheit? Zahlreiche anwesende Antifaschisten konnten die Schmerzen der attackierten Nazi-Opfer mitfühlen. Waren sie doch selbst vor kurzem Opfer einer Pfefferspray-Attacke geworden, damals von der Hamburger Polizei, als diese am 2. Juni die Antifaschisten mit Schlagstöcken, Pfefferspray und Wasserwerfern angriff, damit die Neofaschisten ungehindert durch Hamburg demonstrieren konnten. Ist es nur eine zufälliger Parallelität der Ereignisse, wenn in Hamburg Antifaschisten von der Polizei und in Bergedorf Nazi-Opfer von einem Neofaschisten mit Pfefferspray angegriffen werden?

Offenbar konnte sich von den Sicherheitskräften niemand vorstellen, dass für die Gäste der Veranstaltung in Bergedorf irgendeine Gefahr bestand, obwohl doch in den vergangenen Jahren zahlreiche Menschen Opfer von Brand- und Mordanschlägen neofaschistischer Gruppen und Einzelpersonen geworden waren. Bekanntlich konnte sich auch der Verfassungsschutz bei den Morden der sogenannten NSU nicht vorstellen, dass es Neofaschisten waren, die zehn Menschen ausländischer Herkunft umgebracht hatten. Man muss kein Anhänger von Verschwörungstheorien sein, um beim Umgang staatlicher Einrichtungen wie Verfassungsschutz und Polizei mit Neofaschisten nicht mehr an Versäumnisse, Fehler und Unfähigkeit zu glauben. Unser Mitgefühl gilt den Opfern dieser heimtückischen Attacke.

Unsere Aufmerksamkeit richten wir umso intensiver auf die Aktivitäten der Neofaschisten und den Umgang der Staatsmacht mit ihnen.


Presserklärung des Antifaschistischen Bündnisses Bergedorf

Solidarität mit den Opfern

Kampf dem Faschismus und allem rassistischen und fremdenfeindlichen Gedankengut

Der Anschlag auf die polnischen Ehrengäste am 21.9.2012 macht uns tief betroffen. Sie nahmen teil an der Einweihung des Mahnmals zum Gedenken an die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die während der Nazi-Herrschaft in zahlreichen Betrieben in Bergedorf zur Arbeit gezwungen wurden und unter unwürdigen Bedingungen leben mussten.

Dies ist mehr als die Tat eines verwirrten Einzeltäters, wie es vielfach in den Medien dargestellt wird. Auch wenn es in manchen Fällen psychisch labile Einzelpersonen sind, die zur Pistole oder – wie in Bergedorf – zur Pfefferspraydose greifen, bedarf es des gesellschaftlichen Bodens, auf dem sich solche Gedanken und Taten entwickeln. Ein solches faschistisches Gedankengut, der Nährboden für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit bis hin zu Morden, findet sich in unserer Gesellschaft nicht nur in Randbereichen. Die Ereignisse am 21.9.2012 machen einmal mehr deutlich:

Der Antifaschistische Kampf

gegen jede Form von menschenverachtender Politik ist unabdingbar

Der Anschlag des Neofaschisten war keine unvorhersehbare Tat. Die konkrete Form des Anschlags mag nicht vorhersehbar gewesen sein, dass aber solche Anschläge von Rechtsradikalen auf Leib und Leben von Menschen, die nicht in ihr Weltbild passen, jederzeit möglich sind, haben Brand- und Mordanschläge an zahlreichen Orten in Deutschland gezeigt. Wie unverantwortlich es ist, den neofaschistischen Hintergrund solcher Ereignisse zu bestreiten oder zu bagatellisieren zeigen nicht zuletzt die Untaten des NSU, die Streitigkeiten im Umfeld der Opfer oder Mafiaaktivitäten zugeordnet wurden. So ist es kein Wunder, wenn die verantwortlichen Sicherheitskräfte die offensichtliche Gefährdung nicht erkennen.

Der Anschlag auf unsere polnischen Gäste ist ein Grund mehr in unserer Wachsamkeit nicht nachzulassen, sondern aktiv gegen Neonazis und ihr menschenverachtendes Gedankengut vorzugehen.

Die vom 13. bis zum 29.April 2012 durchgeführte Woche des Gedenkens, getragen von einer Vielzahl von Organisationen, Parteien und Gruppierung, der AG Gedenken, sowie der Bezirksversammlung Bergedorf, zu der auch die Aufstellung des Mahnmals zum Gedenken an die Zwangsarbeiter_innen gehörte, war ein wichtiger Beitrag hierzu. Durch den Anschlag auf die Opfer nationalsozialistischer Verbrechen während der Enthüllung des Mahnmals erlangt dieses gleich eine doppelte Bedeutung: Erinnerung an Zwangsarbeit und Faschismus sowie den aktuellen Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und Neofaschismus.

Die AG Gedenken ist sich einig, auch im Jahr 2013 um den 9. November herum, in Erinnerung an die Reichspogromnacht 1938, wieder Gedenktage durchzuführen.