Nicht 8 Jahre Gymnasium und auch nicht 9

Dienstag, den 11. Juni 2013

Die richtige Forderung ist: Eine Schule für alle!

Seit kurzem sammelt eine Volksinitiative „G9-jetzt-HH“ Unterschriften für eine Rückkehr zu einem neun Jahre dauernden Unterricht am Gymnasium, also zu einem Abitur nach der Klasse 13. Die Initiatoren beklagen zu Recht, dass das „Turbo-Abitur“ nach acht Jahren Unterricht am Gymnasium eine wirklich breite Bildung verhindert. Bildung braucht Zeit.

Die Schlussfolgerungen, die die Initiatoren der Volksinitiative daraus ziehen, gehen aber in die falsche Richtung. Es gibt in Hamburg die Möglichkeit, nach neun Jahren das Abitur abzulegen: an der Stadtteilschule. Diese Eltern könnten also ihre Kinder dort anmelden. Das wollen sie aber nicht, weil sie offenbar das Bildungsprivileg, also den Vorteil, den sie sich für ihre Kinder aus dem Besuch des Gymnasiums gegenüber Kindern, die die Stadtteilschule besuchen, versprechen, erhalten wollen. Das ist egoistisch und unsozial.

Die Initiatoren der Volksinitiative erkennen auch nicht den wesentlichen Grund der Verkürzung der Ausbildungszeit in Schule und Hochschule. Die Unternehmer drängen darauf, dass die jungen Leute früher in den Beruf kommen. Denn ihren Profit ziehen sie aus der Tätigkeit von abhängig Beschäftigten. Je früher diese in den Betrieb kommen und je länger sie dort bleiben, desto mehr Profit können die Unternehmer daraus ziehen. Natürlich sollen die Beschäftigten qualifiziert sein. Aber unter Qualifikation verstehen die Unternehmer im Betrieb verwertbares Wissen, nicht eine umfassende allgemeine Bildung.

Das Hamburger Zwei-Säulen-Modell mit Stadtteilschule und Gymnasium soll beides leisten: eine hohe verwertbare Qualifikation aller abhängig Beschäftigten vom Facharbeiter bis zum wissenschaftlich Ausgebilden und zugleich die Stabilisierung der gesellschaftlichen Spaltung in oben und unten durch die Erhaltung des Gymnasiums. Wer das nicht erkennt oder sich aus egoistischen Gründen an dieser unsozialen Schulpolitik beteiligt, soll sich nicht über Missstände und Fehlentwicklungen innerhalb dieses von Grund auf falschen Systems beklagen.

Wenn das zehnjährige Moratorium zur Schulstruktur in Hamburg, auf das sich die bürgerlichen Parteien von der CDU über FDP und Grüne bis zur SPD geeinigt hatten, nun von konservativer Seite aufgekündigt wird, Sollte es gerade für die Linken Zeit sein, die Diskussion über eine gemeinsame Beschulung aller Kinder wieder aufzunehmen.

Die „Eine Schule für alle“ will allen Kindern und Jugendlichen eine breite, allgemeine Bildung zukommen lassen. Auch in einer solchen Schule wird noch um das richtige pädagogische und didaktische Konzept gerungen werden müssen, das allen Schülerinnen und Schülern ein differenziertes und individuelles Lernen ermöglicht: selbstverständlich in der dafür notwendigen Zeit. Die Überwindung der Trennung in Stadtteilschule und Gymnasium ist aber der notwendige erste Schritt.