NOLEIKO: Zwangsarbeit in Altona

Mittwoch, den 20. April 2016

NOLEIKO: Zwangsarbeit in Altona-Ottensen

 

Vorbemerkung

Altona gehörte während des Faschismus zum Wehrkreis X, Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und Nord-Niedersachsen. In diesem Wehrkreis lag die dichteste Konzentration der Produktion von Kriegsmaterial in Hamburg-Ottensen. Ende 1944 wurden in Hamburg etwa 76.000 zivile „Fremdarbeiter“ und Kriegsgefangene (13.000) in der Produktion, der Landwirtschaft und auch in Haushalten beschäftigt.1 Zusammen waren es zwischen 1939 und 1945 etwa 500.000. In den ersten beiden Kriegsjahren wurden die ausländischen Arbeiter vorwiegend in Privatunterkünften untergebracht. Im März 1941 verfügte der Hamburger Gauleiter Karl Kaufmann – er war gleichzeitig Reichstatthalter, Chef der hamburgischen Staats- und Gemeindeverwaltung, Reichsverteidigungskommissar im Wehrkreis X und Reichskommissar für die deutsche Seeschifffahrt – die Menschen zur besseren Kontrolle in Sammellagern unterzubringen.

Aufgrund mangelhafter Ernährung und Unterbringung waren die aus dem Osten (Ukraine und Russland) kommenden Menschen bald erschöpft und wurden krank. Lagerleiter wurden darauf hingewiesen das Gewicht der angelieferten Lebensmittel zu prüfen. Lieferanten steigerten ihre Gewinne durch grosse Mindergewichte. Polnische und sowjetische ArbeiterInnen erhielten keine Lebensmittelmarken, sodass sie nicht in Geschäften zusätzliche Nahrung einkaufen konnten. Die von Grossküchen angelieferte minderwertige Nahrung war in erster Linie darauf ausgelegt, ein Sättigungsgefühl zu erzeugen. Minderwertiges Fleisch und Brot, wenig Fett abnehmende Kartoffel- und Gemüserationen belegen die Einseitigkeit der Ernährung.

Mit der Dauer des Krieges fürchtete das NS-Regime, dass die Millionen von ZwangsarbeiterInnen zu einer ernsten Gefahr werden können. Es wurde eine radikale Strafverfolgung als abschreckende Wirkung eingeführt. Betriebe hatten grosses Interesse an einem reibungslosen Arbeitsablauf. Aus ihrer Sicht unproduktive Arbeitskräfte sollten schnellstens ausgetauscht werden. Aus diesem Grund arbeiteten sie eng mit der Gestapo zusammen. Auch kleinere Delikte wurden mit Umerziehungslager, Zuchthaus, Einweisung in ein KZ und Exekution geahndet.



Norddeutsche Leichtmetall- und Kolbenwerke „NOLEIKO“2

Das Unternehmen stellte Kolben für Flugzeugmotoren und andere Flugzeugteile her. Der Betrieb lag in der Friedensallee 128. Es wurden etwa 1000 Arbeitskräfte beschäftigt, darunter etwa 430 ausländische ArbeiterInnen (Stand 1942). Das Unternehmen unterhielt in der Friedensallee auf dem Werksgelände ein Lager mit fünf Baracken. Hier waren auch ArbeiterInnen anderer Unternehmen untergebracht.

Wegen schlechter Verpflegung kam es am 10. November 1943 zu einer Arbeitsniederlegung. Sowjetische weibliche Kriegsgefangene verweigerten die Arbeit; es wurde ihnen verdorbenes Essen vorgesetzt.

Die Gestapo verhaftete fünf Frauen als angebliche Rädelsführerinnen. Nach Verhören durch die Gestapo wurden sie im Gefängnis Fuhlsbüttel eingewiesen. Der SS-Offizier Graf von Bessewitz-Behr verurteilte die Frauen zum Tode. Am 15.11.1943 wurden sie im nördlichen Altona durch Genickschuss ermordet. Sie hatten den Mut, gegen schlechte Behandlung und für bessere Ernährung zu protestieren. Andere Ostarbeiterinnen mussten zur Abschreckung der Hinrichtung zusehen.

Verurteilt und hingerichtet wurden: Anna Arapowa, Antonina Koslowa, Sofija Minajewa, Marija Perminowa, Taissija Smirnowa. Die jüngste Frau war 20 Jahre, die älteste 27 Jahre alt. Zur Erinnerung wurden in der Hofeinfahrt zur ehemaligen Fabrik Stolpersteine verlegt.

1947 wurde Bessewitz-Behr von einem britischen Militärgericht freigesprochen, jedoch an die UdSSR ausgeliefert. Er behauptete, von der Hinrichtung nichts gewusst zu haben. Schriftliche Beweise waren verschwunden. Hier wurde er zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Er starb zwei Jahre später in einem Straflager in Sibirien.

Eine erste historische Studie zur Zwangsarbeit in Hamburg erstellte Frederike Littman 2003 in ihrer Dissertation „Zwangsarbeiter in der Hamburger Kriegswirtschaft 1939-1945.“ Akten waren durch Bombenangriffe zerstört oder wurden auf Befehl des Gauleiters Kaufmann vernichtet.

Nach Kriegsbeginn begann die Hamburger Wirtschaft mit der Anwerbung ausländischer Facharbeiter. 1943 übernahm die Gauwirtschaftskammer Hamburg in Abstimmung mit Kaufmann Funktionen zur Erfassung und Verteilung der Zwangsarbeiter, die brutal verschleppt wurden und unter elenden Bedingung lebten. Die Gauwirtschaftskammer Hamburg heisst heute Handelskammer Hamburg. Littmann stellt fest, dass die „Übernahme von wirtschafts- und arbeitspolitischen Funktionen des Staates“ durch die Wirtschaft, deren nachträgliche Schutzbehauptung, ihr Handeln sei durch die nationalsozialistische Führung erzwungen worden, damit widerlegt ist.

Im Auftrag des Senates organisiert der Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme seit 2001 Besuchsprogramme für ehemalige ZwangsarbeiterInnen. Im Rahmen dieses Programmes liegen in Neuengamme Briefe vor; aus einem – von Frau Fentschenko aus der Ukraine, die bei Noleiko eingesetzt war - will ich hier zitieren:

„….. An die Proteste der Zwangsarbeiterinnen kann ich mich noch erinnern. …
Es war schon dunkel, als der Polizist kam, um uns in das Lager abzuholen. Wir gingen durch eine Strasse und hörten plötzlich unsere Mädchen schreien. …. Dann gingen wir weiter in das Lager. Nach einigen Tagen kamen alle Mädchen aus unserem Zimmer, die sich an dem Streik beteiligt hatten, und erzählten uns, dass man die anderen fünf Frauen, die Kriegsgefangenen, in der Gestapo gelassen habe. Auch nach Kriegsende kehrten sie nichts ins Lager zurück. Keiner wusste was von ihnen. Ihr weiteres Schicksal bleibt für mich unbekannt.

Es fällt mir sehr schwer, mich an meine Vergangenheit zu erinnern, geschweige denn zu schreiben. ……“



1Nach: „Ohne uns hätten sie das gar nicht machen können“, Geschichtswerkstatt Ottensen

2Auch „NOLEICO“