Bergedorfer Kommunisten im Widerstand gegen die NS-Diktatur

Mittwoch, den 20. April 2016
Kommunistischer Jugendverband Deutschlands KJVD

Nachdem im Jahre 1933 die Bergedorfer und auch die Hamburger Funktionäre der KPD verhaftet worden waren, mussten die Leitungsstrukturen neu aufgebaut werden, um die illegale Arbeit der Partei fortzusetzen. 

Inzwischen versuchte die Jugendorganisation, der KJVD, in die Bresche zu springen. Bereits kurz nach dem Reichstagsbrand führte die Hamburger Leitung des KJVD unter Willi Mohn den Jugendverband in die Illegalität. Die ersten Aktionen des illegal arbeitenden KJVD gegen das nunmehr sich stabilisierende faschistische System liefen noch nach dem bisherigen Muster der Weimarer Zeit ab: 

• Verteilen von Flugblättern und anderen Materialien, die entweder illegal in Hamburg oder schon im Ausland gedruckt wurden

• Kontaktaufnahme zu jungen Sozialisten aus der Arbeiterjugend

• Schulungen auf den Wochenendfahrten in die Umgebung von Hamburg.

• Malen von antifaschistischen Parolen auf Straßen, Brücken und Gebäuden

Der KJVD Bergedorf bestand um diese Zeit aus den Gruppen „Gojenberg“ und „Hundebaum“ mit insgesamt ca. 25 bis 30 Jugendlichen, Söhne und Töchter bekannter Kommunisten, verstärkt durch eine Gruppe, ehemaliger Republikanischer Pfadfinder um Ferdinand Buhk die 1932 zur Kommunistischen Jugend übergetreten war. Am 26. März 1933 zogen beide Grupppen nach Dassendorf und malten dort die Parolen auf die Landstraße: „Heil Moskau“ und „Hitler bedeutet Krieg“.

 Die Mitglieder der Gruppe Gojenberg wurden von der Landwehrpolizei erwischt, verhaftet und zunächst bis Mitte April in Schwarzenbek eingesperrt und anschließend nach Fuhlsbüttel überführt, wo sie noch bis Ende April einsitzen mussten.

Trotz intensiver Verhöre und Verwarnungen setzten die Jungkommunisten ihre illegale Arbeit fort. Ihr Leiter, Ferdinand Buhk, nahm Kontakte zur Hamburger Leitung des KJVD auf und wurde so mit Material beliefert. 

 Am 3. September 1933 wurden 21 Personen, „sämtlich frühere Angehörige der sozialistischen Jugend, der kommunistischen Jugend und des Arbeitersamariterbundes“, festgenommen. Sie waren geschlossen unter Absingen von Liedern auf dem nach Curslack führenden Neuen Deich marschiert. Die Teilnehmer dieses Marsches wurden wieder Marsches wurden wieder freigelassen. Die Behörden konnten ihnen keine staatsfeindlichen Aktionen nachweisen. In Hamburg wurden im Mai 1934 umfangreiche Verhaftungen von Jungkommunisten vorgenommen.

 Der KJVD Bergedorf konnte seine illegale Arbeit bis Anfang September 1934 fortsetzen.

 Dann schlug die Gestapo zu. Sie verhaftete am 13. September den politischen Leiter des KJVD Bergedorf, Ferdinand Buhk, seinen Stellvertreter Karl „Kalli“ Berbüsse und fünf weitere Mitglieder der Gruppe: Werner Groth, Emil und Antonie Dröse, Eginhardt Apel und Karl Krüger. Alle wurden am 17. September in sog. Schutzhaft abgeführt.

 

 Ferdinand Buhk KJVD Bergedorf

Ferdinand Buhk wurde am 2. November 1909 in Hamburg geboren. Er war der Sohn der nicht verheirateten Plätterin Emilie Buhk und des Malers Wladislaus Surdokowski aus Posen. Dieser war von 1909 bis 1919 Mitglied der SPD und trat dann der KPD Bergedorf bei. 

 Ferdinand wohnte 1933 bei seinem Vater in der Rothenhauschaussee 217 in Bergedorf. Auch nach 1945 war Wladislaus Surdokowski wieder Mitglied der Bergedorfer KPD und für eine Zeitlang auch Vorsitzender der Siedlungsgemeinschaft Rothenhauschausse. Ferdinand Buhk besuchte die Brinkschule und lernte den Beruf des Maschinenschlossers bei der HMG (Hanseatische Motoren-Gesellschaft) am Weidenbaumsweg.

Schon als Schüler und Lehrling gehörte er der Bündischen Jugend, dem Wandervogel, an. Als sich die Bergedorfer Gruppe des Wandervogels nach rechts entwickelte, trat Ferdinand aus dem Wandervogel aus und gründete in Bergedorf eine Gruppe der Republikanischen Pfadfinder, eine Jugendorganisation, die der SPD nahestand. 

Mit der weiteren Radikalisierung der Jugendlichen kam es zu einer Spaltung der Republikanischen Pfadfinder in Bergedorf. Ein kleinerer Teil trat zu den Christlichen Pfadfindern über, der größere Teil unter Führung von Ferdinand. Buhk schloss sich 1932 dem KJVD (Kommunistischer Jugendverband) an. Da der bisherige Leiter Bertold Mangelsdorf im Sommer 1933 zum Arbeitsdienst abkommandiert wurde, übernahm Ferdinand Buhk diese Funktion. Nach seiner Verhaftung am 13. September 1934 wurde Ferdinand Buhk während der Verhöre im Gestapohauptquartier Stadthausbrücke schwer misshandelt, da er seine Genossen nicht verraten wollte. 

Noch am 13. September wurde er gegen 19.00 Uhr dem Konzentrationslager Fuhlsbüttel überstellt. Er wurde in der Zelle AI/K untergebracht.  

Am 14. September 1934 soll sich Ferdinand Buhk nach Aussage der Gestapo an seinem Taschentuch an der Luftklappe seiner Zelle aufgehängt Bergedorf haben. Um diese Zeit mussten noch die Leichen der Selbstmörder im Hafenkrankenhaus untersucht werden. Die Ärzte stellten schwere Misshandlungen und eine Lungenembolie fest. Ferdinand Buhk wurde danach von der Gestapo in Fuhlsbüttel ermordet. 

Der Fall wurde trotz Einwände der damaligen Staatsanwaltschaft auf Geheiß der Nazi-Behörden als abgeschlossen zu den Akten gelegt. Ein gewisser Sachverständiger Dr. Koopmann hatte „Selbstmord“ nachträglich festgestellt. Karl Krüger, auch aktives Mitglied des KJVDs Bergedorf und nach seiner Verhaftung Häftling im KZ Fuhlsbüttel, berichtete über Gerüchte im KZ. Danach soll Ferdinand Buhk von der Gestapo totgeprügelt und erst nachträglich aufgehängt worden sein. 

 Die anderen führenden Mitglieder des Bergedorfer KJVDs wurden am 17. September 1934 verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt

 Aus: Berichten des KZ Fuhlsbüttel an die Staatspolizei Hamburg vom 14.9.34, dem Schriftverkehr zwischen Staatsanwaltschaft 17.9.34, Hafenkrankenhaus, Justizverwaltung und Staatspolizei. Alle diesbezüglichen Dokumente lagen den Nürnberger Prozessen vor. Einige Kopien befinden sich im Privatarchiv von Alfred Dreckmann.

 

 : Karl Berbüsse

 Karl Berbüsse wurde am 5. Februar 1917 in Bergedorf geboren. Nach Abschluss der Volksschule begann er eine Klempner Ausbildung.

Er wohnte bei seinen Eltern in der August Bebel Straße.

Er war als Jugendlicher Mitglied des Republikanischen Pfadfinderbundes, einer sozialdemokratischen Jugendorganisation und trat 1932 mit anderen Jugendlichen u.a. Ferdinand Buhk dem Kommunistischen Jugendverband (KJVD) bei. 

Auch nach der Machtübertragung am 30. Januar 1933 nahm er an der illegalen Arbeit des KJVds teil. Im Auftrage des KJVDs wurde er am 21.10 1934 Mitglied der Marine Hitlerjugend, um innerhalb der HJ Agitation gegen das NS-System aufzunehmen. 

Das kam heraus und er wurde am 11. September 1934 verhaftet und bis 17. Mai 1935 in Untersuchungshaft genommen. Man verurteilte ihn im Mai 1935 zu einem Jahr und drei Monaten, aber wegen seines jugendlichen Alters setzte man die Strafe zu Bewährung von fünf Jahren aus. Weil er sich nicht an gewisse Auflagen hielt, wurde die Bewährungsfrist aufgehoben und er wurde für 16 Monate im Jugendgefängnis Hahnöfersand eingesperrt. 

Nach seiner Haft arbeitete er als Klempner in der Firma Gottlieb Wild in Lohbrügge. 

 Wegen dieser Haft wurde er für wehrunwürdig in Friedens- und Kriegszeiten erklärt.

Aber wegen der großen Verluste an Soldaten im Krieg gegen die Sowjetunion sollten ehemalige Gefangene in den sogenannten Bewährungsbataillonen und Strafbataillon 999 und 500 ihre "Wehrwürdig- keit" zurück erkämpfen. 

  Im Januar 1943 wurde Karl Berbüsse ohne Ausbildung zum Strafbataillon 500 einberufen. Er ist am 24. Januar 1943 am Ilmensee an der Ostfront gefallen.

 

Emil Dröse jun.  

Bewaffneter Widerstand gegen den Faschismus  

 Emil Richard Dröse jun. wurde am 25. Dezember 1916 als Sohn des KPD-Bürgervertreters Emil Dröse sen. in Bergedorf geboren. Er wohnte zunächst bei seinen Eltern in der Bahnstraße 11 (heute Reetwerder). Mit anderen Kindern Bergedorfer Kommunisten gründete er nach der Ermordung des KPD- Bürgerschaftsabgeordneten Ernst Henning 1931 eine neue Ortsgruppe des Kommunistischen Jugendverbandes (KJVD) Bergedorf, der sich Ende desselben Jahres ein Teil der Republikanischen Pfadfinder anschloss, u.a. auch Ferdinand Buhk.

 Wegen ihres Widerstandes gegen den Faschismus wurden Emil Dröse und weitere Genossen im September 1934 von der Gestapo verhaftet. Er wurde zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Gleichzeitig wurde er für „wehrunwürdig“ erklärt.

Wie andere politisch Verurteilte wurde Emil Dröse 1942 zum Bewährungsbataillon 999 eingezogen und in Griechenland gegen die Elas-Partisanen eingesetzt. 

Er ist mit dem österreichischen Genossen Peter Raiser zu den Elas- Partisanen übergelaufen und hat bis zur Befreiung Griechenland 1944 mit Megaphon und Gewehr gegen die deutschen Faschisten gekämpft. Er war auch aktiv an der Befreiung Thessalonikis im November 1944 beteiligt und gelangte danach über Bulgarien in die Sowjetunion. Er trat dem Nationalkomitee „Freies Deutschland“ bei und stellte sich für Front-Agitation gegen die deutsche Wehrmacht zur Verfügung. 

1945 kehrte er nach Bergedorf zurück. In den 1950er Jahren meldete er sich zum Aufbau des Sozialismus in der DDR. Dort blieb er und starb in den 1980er Jahren in Thüringen. 

 

 

 

Carl Boldt  

 Carl Boldt, geboren am 3. Februar 1887 in Boizenburg, gestorben am 3. Mai 1945 beim Untergang der "Cap Arcona" in der Lübecker Bucht.

Von Beruf war er Maschinist und arbei- tete lange Jahre im Bergedorfer Eisen- werk. Er gehörte bereits vor dem 1. Weltkrieg der SPD an, trat 1917 zur USPD über und 1920 der KPD bei.

USPD über und 1920 der KPD bei. Er war verheiratet und hatte drei Kinder: Frieda, geb. 1908, Karl, geb. 1909, und Emma, geb. 1912. Die Familie wohnte zunächst in der Gärtnerstraße 12 (heute Soltaustraße) und zog nach 1933 in die Eschenhofsiedlung, Ellernweg 20.  

1923 nahm er am sog. Hamburger Aufstand der KPD teil und wurde zu 1 1/2 Jahren Festungshaft verurteilt. Von 1927 bis 1930 gehörte Carl Boldt der Bergedorfer Bürgervertretung an und stand dem Bezirksfürsorgeverband vor.

Wie andere Bergedorfer Kommunisten wurde auch er im März 1933 verhaftet und verbrachte einige Monate im KZ Fuhlsbüttel.  

Stolperstein in der Soltaustraße Am 10. August 1943 wurde er von der Gestapo wiederum verhaftet. Er hatte den Nazi-Gruß "Heil Hitler" eines Nach- barn nicht nur nicht erwidert, sondern auch den Nachbarn aufgefordert, mit diesem "Nazi-Gruß" aufzuhören. Vom 10. August 1943 bis 24. April 1945 saß Carl Boldt im KZ Neuengamme. Er hatte die Häftlingsnummer 22584. Dort musste er die Schalttafeln des Klinkerwerks bedienen.  

nen. Vom20.bis 26. April 1945 wurde das KZ-Lager geräumt. Die Häftlinge wurden urTeil 5: Carl Boldt auf die Schiffe "Cap Arcona" „Thielbek“ und "Athen" gebracht, die in der Lübe- cker Bucht vor Neustadt lagen. Die Zu- stände auf dem Schiffen waren katastro- phal. Es gab nichts zu essen und zu trin- ken. Jeden Tag starben zwischen 15 und 30 Häftlingen. Am 3. Mai bombardierten britische Flug-  

Am 3. Mai bombardierten britische Flugzeuge die auf Rede liegenden Schiffe, auf denen sich ca. 10 000 Häftlinge befan- den. Fast 8000 fanden den Tod, unter ihnen auch der Bergedorfer Kommunist Carl Boldt. Ein Zeuge, der überlebte, hat nach dem Krieg ausgesagt, dass er Carl Boldt auf der "Cap Arcona" sah, bevor das Schiff unterging. Im Zusammenhang mit der Bombardierung und dem Untergang der "Cap Arcona" spielten sich unfassbare Szenen in der Lübecker Bucht ab Mehrere Minensuchboote der Marine kamen von Neustadt an die Unglücksstelle. Sie retteten die SS-Wachmannschaften und die uniformierten Besatzungsmitglieder der Schiffe. Den im Wassertreibenden Häftlingen wurde bis auf einen Fall nicht geholfen. Im Gegenteil, es wurde zum Teil auf sie geschossen und den sich an die Boote klammernden Menschen wurde auf die Finger geschlagen, damit sie wieder ins Wasser fielen und dort um- kamen.

 kamen. Zu Ehren von Carl Boldt wurde der Ellernweg 1949 in Carl Boldt Straße umbenannt. Im Bergedorfer Rathaus ist sein Name auf einer Tafel für die von den Nazis ermordeten ehemaligen Bürger- vertreter aus der Weimarer Republik genannt.

Alfred Dreckmann