Ursula (Ulla) und Ludwig (Ludn) Levien

Donnerstag, den 21. April 2016

von André Buschmann

Ulla (1916-2010) und Ludn (1907-1987) Levien

Foto AB © DKP-Hamburg

Schon als kleiner Junge wollte ich am Küchentisch immer wieder die spannenden Geschichten hören, wie auf meine Großeltern, meinen Onkel geschossen wurde. Oder von Ullas Freundinnen aus der Sowjetunion, denen sie Essen und Hilfe gab. Oder wie sie behandelt wurde, als sie meinem Opa frische Kleidung ins KZ Fuhlsbüttel brachte. Damals (ich war circa acht Jahre alt) interessierte mich nicht so, dass sie sich vor dem Zweiten Weltkrieg heimlich mit Freunden und Genossen in ihrer Wohnung oder auf Kanufahrten trafen, um z. B. Radiosendungen auszuwerten.

Nun, der kleine Junge wurde größer. Lernte auch, was er nicht wusste, bekannte und weniger bekannte Zeitzeugen und Widerstandskämpfer kennen.

 

Ulla und Ludn mit Enkel 1971

Foto AB © DKP-Hamburg

 

 

Ulla wurde 1916 geboren, wuchs in einem sozialdemokratischen Haushalt auf, ging in die SAJ und war vorher bei den Kinderfreunden. Und machte nach der Volksschule eine kaufmännische Ausbildung.

 Ludn, 1907 geboren, wuchs ebenfalls in einem sozialdemokratischen Elternhaus auf. Obwohl beide Eltern arbeiteten, als Schneiderin bzw. als Klempnergeselle, war kein Geld für eine weiterführende Schule da. So lernte Ludn nach der Volksschule Maler bei seinem Onkel. Geprägt durch Berichte seines Vater vom Ersten Weltkrieg, die unbewusste Teilnahme am Hamburger Aufstand von 1923 als Kurier, Gespräche u. a. mit Willi Bredel und Hugo Sieker (die seinen Wissenshunger mit Bücher stillten), verließ er die AJ (später SAJ), ging in den KJVD und dann in die KPD. Er machte bei Wahlkämpfen für die KPD als aktiver Wassersportler mit.

 1934 lernten sich beide kennen. Ulla schrieb: „Wir merkten gleich, dass wir beide gegen Hitler waren.“ Zehn Tage nach ihrer Hochzeit, 1935, wurde Ludn von der Gestapo verhaftet. Bei dem Prozess „Held und andere“ wurde er zu über zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Er sagte später zu seinen Kindern und Enkeln: „Lest Willi Bredels ‚Die Prüfung’ um zu erfahren, was ich im KZ Fuhlsbüttel erlebt habe.“ Auch Ulla schrieb und erzählte, wie demütigend es war, wenn sie mit den anderen Frauen vor dem Tor stand, um frische Wäsche zu bringen, wie sie und die anderen Frauen von den Wärtern beleidigt wurden.

 Doch das brach ihre Haltung gegen den Hitler-Faschismus nicht.

 1937 wurde Ludn entlassen und fuhr zur Wohnung in der Lutterothstr. 62, die Ulla 1935 bezogen hatte.

 In dieser Wohnung nun trafen sie sich ab 1937 mit Freunden und Genossen in regelmäßigen Abständen, um ausländische Radio- und Zeitungsmeldungen zu bewerten , über ihre KZ-Erfahrungen zu reden und später über ihre Erlebnisse als Soldaten. Oft trafen sie sich mit anderen (Widerstands-)Gruppen, um auf Alster, Elbe und den Nebenflüssen Kanu zu fahren und am Abend am Lagerfeuer ihre Erfahrungen und Berichte anderer auszutauschen. Zu Aktionen kam es nicht.

 Ludn bekam den Tipp: Wenn er sich nicht freiwillig zur Wehrmacht meldet, muss er ins Strafbataillon 999. Inwieweit er bewusst zur Wehrmacht gegangen ist, um dort politisch zu arbeiten, ist nicht bekannt. Jedenfalls schrieb er auch, dass seine „Vergangenheit“ bekannt war. Er kam ins besetzte Frankreich. Sicher auf Grund seiner „Vergangenheit“ durfte er –glücklicherweise – nicht mehr als Schweine hüten und fotografieren.

 Ulla wurde mit ihrem Sohn Uwe und "Pflegebruder" Hansi 1943 in die Lüneburger Heide evakuiert, was für mich als kleiner Junge sehr abenteuerlich wirkte, aber es war natürlich bitterer Ernst. Ulla wäre zum Tode verurteilt worden, wenn ihr nicht geholfen worden wäre.

 Sie half den Bauern auf dem Feld und in der Küche, um besseres Essen für ihre Kinder zu bekommen. Durch die Küchenarbeit lernte sie auch zwei junge Frauen aus der Sowjetunion kennen, die nach Deutschland verschleppt worden waren, um hier zu arbeiten. Alle drei wurden Freundinnen. Eine der beiden Zwangsarbeiterinnen wurde schwanger. Ulla half mit einer Bäuerin, dass die junge Frau nicht in ein KZ, sondern wieder zurück auf den Hof kam.

 Auf einer Fahrt ins Nachbardorf wurde Ulla von einem sowjetischen Kriegsgefangenen mitgenommen. Er wurde anzüglich. Ulla sang aus Angst alle politischen Lieder, die sie von Ludn gelernt hatte. Der Gefangene fragte: „Du Kommunist?“ Um es kurz zu machen: Diese Begegnung führte dazu, das Ulla viele Lebensmittel sammelte, unter anderen auch bei der Bäuerin, die der jungen Frau geholfen hatte. Sie konnte die Lebensmittel den Kriegsgefangenen geben.

 Doch Ulla wurde verraten. Aber es kam nicht zur Verhaftung, da das Lager mit den Lebensmitteln rechtzeitig geleert wurde. Außerdem hatte Ulla einen Deserteur versteckt: Erich Tiedeböhl, den auch Ursula Suhling in einem ihrer Bücher erwähnt.

 Nach der Befreiung trafen sich Ulla und Ludn in der Lüneburger Heide. Sie zogen wieder in die Lutterothstraße in Hamburg Eimsbüttel. Waren aktiv in der VVN und, bis zum Verbot 1956, in der KPD.

 Ludn war Zeitzeuge, er sprach mit vielen Menschen über seine Erlebnisse, kämpfte gemeinsam mit jungen Menschen gegen alte und neue Nazis, gegen Krieg und Faschismus. Er war in der Geschichtskommission Hamburg der VVN-BdA und aktiv in der Gedenkstätte Ernst-Thälmann . 1987 starb er mit 79 Jahren.

 Ulla schrieb ihre Geschichte 1992 auf. Da war sie schon sehr krank und konnte nicht mehr viel machen. Sie starb 2010 nach langer schwerer Krankheit im Alter von 94 Jahren.

 Ludn sprach als kommunistischer Zeitzeuge am 1. Mai 1982 bei der Ausstellungseröffnung von „Vorwärts und nicht vergessen“, Arbeiterkultur um 1930, Hamburg Kampnagel. Ich half die Sprachprobe von Ludn auf eine Tonbandkassette (mittlerweile auf MP3) zu bekommen. Und schrieb gemeinsam mit Ulla 1992 deren Erinnerungen auf.

 André Buschmann, Enkel von Ulla und Ludn Levien