DKP-Bergedorf: Industrie 4.0

Samstag, den 30. April 2016

Das Märchen von der schönen neuen Arbeitswelt

Seit einiger Zeit wird von interessierUnternehmerseite eine wahre Propgandaschlacht um eine angeblich bevorstehende „4. Industrielle Revolution“ inszeniert. Unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ wird ein Bild gezeichnbei dem der gesamte Weg eines Produkts von der Nachfrage durch den Verbraucher über die Herstellung, den Vertrieb und dem Service bis zum Rcycling vernetzt ist. Dabei werden zunehmend Computer miteinander kommunizieren. Menschliche Arbeit wird immer weniger gebraucht. Die Gewerkschaften werden eingeladen, diese neue Arbeitswelt mitzugestalten.  

Der Einsatz von Informations- technologie (IT) – zunächst vorwiegend in der Produktion, dann auch in der Verwaltung – ist so neu nicht. Und die ständig wachsende Leistungsfähigkeit der Computer macht die Vernetzung verschiedener Bereiche möglich. Die schöne, neue Arbeitswelt, die die Unternehmer angeblich zusammen mit den Beschäftigten gestalten wollen, ist aber ein Märchen, mit dem die arbeitenden oder arbeitslosen Menschen von ihren aktuellen Problemen abgelenkt werden sollen.

Auch die Unternehmer wissen, was Karl Marx schon vor 150 Jahren herausgearbeitet hat: Profit lässt sich nur aus lebendiger Arbeit herausschlagen. Technik setzen sie deshalb ein, um die Produktivität der arbeitenden Menschen zu steigern, nicht etwa um ihnen die Arbeit zu erleichtern. In den letzten Jahrzehnten ist es den Unternehmern gelungen, von den ständig wachsen- den Arbeitsergebnissen jedes einzelnen Arbeiters den größten Teil für sich zu behalten. Zu besichtigen an der sich ständig weiter öffnenden Schere der Einkommen aus Unternehmertä- tigkeit und abhängiger Arbeit. Die aktuelle Aufgabe wäre es also, höhere Arbeitseinkommen durchzusetzen.  

Wenn der Markt gesättigt oder die kaufkräftige Nachfrage zu gering ist, um die ständig wachsenden Arbeitsergebnisse der immer produktiveren Arbeiter aufzunehmen, behaupten die Unternehmer, es sei nicht mehr genug Arbeit da, und entlassen ein Teil der Belegschaft. Dabei könnten sie auch alle Beschäftigten weniger arbeiten lassen. Die aktuelle Aufgabe wäre es, kürzere Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich durchzusetzen. 

 All das ist in den letzten Jahren nicht geschehen. Die Lohnsteigerungen liegen unter der Produktivitätsentwicklung. Die tatsächlich geleistete Arbeitszeit hat sich nicht verringert, sondern ist inzwischen wieder auf über 40 Wochenstunden gestiegen. Und die Unternehmer wollen, dass das so bleibt. Deshalb wollen sie mit den Gewerkschaften über „Industrie 4.0“ reden, was vielleicht in ferner Zukunft kommen wird – oder auch nicht. Nicht reden wollen sie über die Abschaffung prekärer Beschäftigungsbedingen, über eine deutliche Anhebung der Arbeitseinkommen und eine Arbeitszeit- verkürzung bei vollem Lohnausgleich. Im Gegenteil. „Warum soll nicht auch mal mehr als 10 Stun- den am Tag gearbeitet werden“, heißt es aus dem Unternehmerlager. Flexible Anpassung der Menschen an Aufträge und Maschinenlaufzeiten wird verlangt.

 Aber gehen wir einmal davon aus, dass immer mehr und immer leistungsfähigere Computer zur Produkti- vitätssteigerung in Produktion, Verwaltung, Handel, Service, Dienstleitung und Finanzwesen eigesetzt werden. Dann werden vermutlich am ehesten die einfachen Arbeiten durch Technik ersetzt werden. Die dort Tätigen werden auf den verbleibenden anspruchsvolleren Arbeitsplätzen nur eingesetzt werden können, wenn sie dafür qualifiziert werden. Die aktuelle Forderung wäre also, einen tarifver- traglichen Anspruch auf Weiterbildung durchzusetzen.

 Diese aktuellen Forderungen müssen auf die Tagesordnung der heutigen Tarifverhandlungen. Dann spricht auch nichts dagegen, über zukünftige Entwicklungen in der Arbeitswelt zu sprechen und Forderungen für eine menschlichere Gestaltung einzubringen.

übernommen von Bergedorfer  Utsichten 2/2016