Eine Schule für alle“, jetzt!

Donnerstag, den 19. Mai 2016

Die Diskussion um die Struktur des Hamburger Schulwesens ist neu entbrannt. Anlass ist jetzt die Anmelderunde für die 5. Klassen der Stadtteilschulen und der Gesamtschulen Anfang dieses Jahres. Rund 55 Prozent der Schülerinnen und Schüler wurden an Gymnasien angemeldet, immer weniger an Stadtteilschulen. Den Stadtteilschulen fehlen zudem die starken Schülerinnen und Schüler. Nur 297 der rund 6000 Fünftklässler an den 58 Stadtteilschulen haben eine Gymnasialempfehlung. Damit kommt das Zwei-Säulen-Modell mit den angeblich gleichwertigen beiden Schulformen Stadtteilschule und Gymnasium ins Wanken.

Als die bürgerlichen Parteien CDU, SPD und Grüne im Jahre 2010 das Hamburger Schulwesen modernisieren wollten, um die Ausbildung der Kinder und Jugendlichen den Anforderungen der Wirtschaft anzupassen, legten sie für die Mittelstufe des allgemeinen Schulwesens das sogenannte Zwei-Säulen-Modell fest. Stadtteilschule und Gymnasium sollten zwei konzeptionell unterschiedliche, aber trotzdem gleichwertige Bildungswege bis zum Abitur sein.

Das war natürlich Schönrederei, mit der sie vertuschen wollten, dass sie die ökonomisch notwendige Modernisierung des Bildungswesens mit der Erhaltung des Bildungsprivilegs für die Kinder aus dem Bürgertum in Einklang bringen wollten. Statt „Eine Schule für alle“ einzurichten, sollte das Gymnasium als Hort bürgerlicher deutscher Bildung konserviert werden und es den Kindern „aus gutem Hause“ erspart bleiben, mit den „Schmuddelkindern“ in eine Klasse zu gehen. Das konnte nicht gut gehen.

Die Eltern durchschauten den Trick schnell, mit dem die herrschenden bürgerlichen Kreise ihren Kindern einen Vorteil in der Konkurrenz um Ausbildungs- und Arbeitsplätze verschaffen wollten. So schwer war das auch nicht zu durchschauen. Die Lehrkräfte an Gymnasien werden besser bezahlt als die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen an den Stadtteilschulen und erteilen weniger Unterrichtsstunden als diese. Von der schweren Aufgabe der Inklusion, der Einbeziehung von "Kindern mit besonderem Förderbedarf" in den allgemeinen Unterricht, sind die Gymnasien fast völlig ausgenommen. Wer sich den Anforderungen des Gymnasiums nicht einfügt, fliegt. Rund 10 Prozent der Schülerinnen und Schüler müssen nach der 6. Klassen das Gymnasium wieder verlassen. Diese zum guten Teil enttäuschten und frustrierten jungen Menschen sollen von den Stadtteilschulen erneut motiviert und integriert werden.

So melden immer mehr Eltern, die der Losung „Aufstieg durch Bildung“ folgen, ihre Kinder am Gymnasium an. Die Stadtteilschule befindet sich auf dem Weg zur neuen Restschule. Profitiert haben vor allem die privaten Bildungseinrichtungen. Nachhilfeinstitute machen inzwischen ein Milliardengeschäft. Privatschulen bieten sich Eltern an, denen das heutige Gymnasium nach dem Massenansturm von Schülerinnen und Schülern nicht mehr elitär genug ist.

Das Zwei-Säulen-Modell ist gescheitert. Im Fernsehen wird bereits diskutiert, ob der „Schulfriede“, mit dem die bürgerlichen Parteien die gegenwärtige Schulstruktur für mindestens 10 Jahre festschreiben wollten, nicht aufgekündigt werden muss. Im bürgerlichen Spektrum von Parteien und veröffentlichter Meinung wird allerdings vorwiegend über Korrekturen an dem bestehenden System diskutiert. So fordern starke Kräfte im Umfeld der CDU die Umwandlung der Stadtteilschule in eine integrierte Haupt-und Realschule. Die SPD und ihr Schulsenator wollen die Stadtteilschule zu einem „Gymnasium light“ machen („Mehr Leistungsorientierung“). Andere – wie die Initiative „G9 jetzt“ -wollen das Gymnasium ein wenig vom Leistungsdruck entschärfen.

Dabei liegt die Alternative zum Zwei-Säulen-Modell auf der Hand: die „Eine Schule für alle“. Ideologisch ist sie bereits mit der Diskussion um die Inklusion von "Kindern mit besonderem Förderbedarf" vorbereitet. Niemand soll ausgegrenzt werden. Aber warum soll das nur für "Kindern mit besonderem Förderbedarf" gelten? Ein modernes Schulwesen, das aus wirtschaftlicher Sicht alle Bildungspotenziale ausschöpfen und aus gesellschaftlicher Sicht mehr Chancengleichheit herstellen will, muss alle jungen Menschen inkludieren. In vielen Ländern der Welt ist das bereits durchgesetzt. Fachlich ist das in Deutschland in den vor sechs Jahren abgeschafften Gesamtschulen erprobt.

Es ist Zeit, die Initiative „Eine Schule für alle“ wieder zu beleben und den Kampf um ein modernes, demokratisches Schulwesen aufzunehmen.