Redebeitrag der DKP Hamburg zum Altonaer Blutsonntag

Dienstag, den 02. August 2016
Liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten,

wir gedenken heute hier 4 Menschen, die im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben verloren haben. Sie wurden ermordet, nicht weil sie eine Straftat begangen hatten, sondern weil sie sich der faschistischen Diktatur bereits in ihrem Aufbau widersetzten.

Die Demonstration am 17.Juli 1932 von 7.-8.000 SA und SS-Männern aus Hamburg, Schleswig-Holstein und Altona selbst war eine gezielte Provokation der Faschisten gewesen. Es ging darum, die von Arbeiterinnen und Arbeitern bewohnten Viertel, in denen nach wie vor, auch 1932 noch, vorwiegend rot gewählt und vor allem gelebt wurde, anzugreifen und aufzulösen. Und es ging darum, mit einer gezielten Eskalation, die sozialdemokratische Regierung in Preußen zu Fall zu bringen. Die Demonstration und die zu erwartende Eskalation sollte deutlich machen, dass die Polizei Preußens nicht in der Lage sei, die innere Sicherheit aufrecht zu erhalten und so ein Eingreifen des Reichspräsidenten in Preußen rechtfertigen, um dort die Regierung abzusetzen und der NSDAP in den Sattel zu verhelfen. Dies geschah auch 3 Tage später. Mit Preußen und der dortigen 90.000 Mann starken Polizei war somit eine der letzten wichtigen Bastionen gefallen, die die Machtübernahme der Faschisten durch konsequentes Handeln hätte verhindern können.

Das was am 17. Juli 1932 in Altona geschah, war ein Polizeimassaker an den Bewohnerinnen und Bewohnern Altonas, an den Arbeiterinnen und Arbeitern des Viertels. Es waren staatliche Morde, ausgeführt von einer Polizei, die die Uniform der Weimarer Republik trug, jedoch längst von den Nazis unterwandert war. 14 der 16 Opfer der Schießerei wurden durch Militärgeschosse getötet, was darauf verweist, dass es sich um Schüsse der hamburgischen Polizei gehandelt haben muss, da die Polizei Altonas nur über Karabiner und Pistolen verfügte. Aus diesen Einheiten der hamburgischen Polizei ging später das Kommando zur besonderen Verwendung hervor, das dafür bekannt war, seine Gefangenen brutal zu mißhandeln und zu foltern.

Das sind alles Fakten, aktenkundig recherchiert und belegt. Bis heute wird aber über den Altonaer Blutsonntag gelogen und die Geschichte verzerrt. Bis heute werden Geschichtsdarstellungen der Nazis, die im Laufe der Blutsonntagsprozesse erfunden und konstruiert wurden, wiederholt und als wahr dargestellt.

Eine der Ermordeten war die 19-jährige Erna Sommer, die in der Großen Marienstraße lebte, Mutter eines kleinen Kindes, die mit dem Säugling auf dem Arm hinter dem verschlossenen Fenster in ihrer Wohnung erschossen worden war. Sie war unpolitisch gewesen, nicht organisiert. Allerdings wurde ihre Beerdigung von der Roten Hilfe bezahlt, da sie und ihre Familie von der Wohlfahrt lebten. In der Presseerklärung des Polizeipräsidenten 1932 wurde sie zur Kommunistin deklariert, um die Behauptung zu stützen, die Polizei habe sich lediglich gegen kommunistische Angriffe gewehrt.

Die Morde an der Altonaer Bevölkerung sind niemals gesühnt worden. Niemals musste sich ein Polizist, einer der Befehl führenden Beamten oder einer der politisch Verantwortlichen für die Morde, einem Gericht stellen, niemals wurde Anklage erhoben.

Was bedeutet das für uns heute?

Wenn wir uns heute einer neuen Rechtsentwicklung entgegenstellen, so tun wir dies auf dem Boden der Erfahrungen aus dem Faschismus. Wir versuchen, die Lehren aus der Geschichte zu ziehen. In die Verfassung der Bundesrepublik, in das Grundgesetz flossen 1949 viele der Erfahrungen ein, die ein erneutes Erstarken faschistischer Kräfte verhindern sollten und es unmöglich machen sollten, das jemals wieder von deutschem Boden Krieg ausgehen solle. Dazu gehört die grundgesetzlich verankerte Trennung von Polizei und Geheimdienst, das Recht auf Asyl, der Verbot eines Einsatzes der Bundeswehr im Innern, die föderalistische Struktur der Bundesrepublik, die Tatsache, dass eine Armee lediglich der Landesverteidigung dienen darf und das grundgesetzlich verankerte Recht auf Koalitionsfreiheit und damit auf Bildung von Gewerkschaften und auf Streik.

Bei dieser Aufzählung wird deutlich, dass an allen diesen Pfeilern der bürgerlichen Demokratie gemeißelt und an ihrer Abschaffung gearbeitet wird. Als Kommunistinnen und Kommunisten geht unser Verständnis von Demokratie wesentlich weiter als das, was der bürgerliche Parlamentarismus darstellt. Für uns beinhaltet Demokratie auch den Bereich der Produktion und demokratisch können nur Verhältnisse sein, in der kein Mensch einen anderen Menschen ausbeuten kann.

Trotzdem oder gerade deswegen ist es notwendig, dass wir uns zusammenschließen und uns organisieren um unsere demokratischen Rechte zu verteidigen. In unserem gemeinsamen Streit für eine Gesellschaft ohne Rassismus, Faschismus und Krieg ist das Grundgesetz eine wichtige Bastion, die es zu verteidigen gilt, auch wenn sie bereits jetzt schon ausgehöhlt ist.

Das gilt nicht nur für unser Land, sondern auch für andere Staaten. Wir sind derzeit Zeugen, wie in der Türkei die letzten Reste juristischer Eigenständigkeit abgebaut werden und die Verfolgung politischer Gegner der Erdogan-Regierung weiter verschärft wird. In der Türkei ist es nicht allein die Polizei, es sind auch Soldaten, die gegen die Bevölkerung vorgehen. In den vom türkischen Militär im Belagerungszustand gehaltenen Städten erschossen Scharfschützen Kinder, wenn sie die Häuser verließen, um Wasser oder Essen zu besorgen. Ein Land, welches durch seine Kriegsakte gegen die eigene Bevölkerung zehntausende von Flüchtlingen produziert, wurde von der BRD dazu auserkoren, Flüchtlinge von der BRD abzuhalten.

Als Antifaschistinnen und Antifaschisten ist es unsere Aufgabe, die folgenden Forderungen zu vertreten und um ihre Durchsetzung zu kämpfen:

  • Stopp aller Waffenlieferungen an die Türkei, sowie aller zivilen Güter, die erfahrungsgemäß für Polizei und Militär eingesetzt werden

  • Abzug aller deutschen Soldaten aus der Türkei

  • Kündigung des Flüchtlingsabkommens mit der Türkei

  • Aufhebung des Verbots der PKK

Bevor ich meine Rede nun schließe, möchte ich nochmal zum Ausgangspunkt zurückkehren und warum es so wichtig ist, dass Gedenkveranstaltungen wie diese stattfinden.

Ich hatte vor einigen Wochen die Gelegenheit mit einem jungen Kubaner und einer jungen Kubanerin die KZ Gedenkstätte Neuengamme zu besuchen. Uns begleitete eine Schülerpraktikantin, die uns sehr anschaulich das KZ und seine Funktionsweise erklärte. Sie sprach vom Geruch der verbrannten Leichen, der über dem ganzen Lager lag und versuchte uns nahe zu bringen, was es heisst, im Winter ohne Bettzeug in einer Baracke zu schlafen. Auf Jorgitos Frage, was sie werden wolle, antwortete sie: „Lehrerin für Geschichte“. Jorgito freute sich und bemerkte: „Es ist wichtig, dass diejenigen Lehrer werden, die die Geschichte nicht nur kennen, sondern sie auch spüren.“

Und genau darum geht es: wir müssen unsere Geschichte studieren, sie kennen und analysieren, das ist ohne Zweifel. Zum Antrieb und zur Kraft für die notwendigen Veränderungen, die wir in dieser Gesellschaft erkämpfen müssen, wird die Geschichte aber erst dann, wenn wir sie auch spüren!

In diesem Sinne bleiben Bruno Tesch, Walter Möller, Karl Wolff, August Lütgens lebendig und mit ihnen alle, die sich dem Faschismus entgegengestellt haben!