Billige Arbeitskräfte in Krankenhäusern

Samstag, den 12. November 2016

Zehntausend Auszubildende werden nicht entlohnt

Von Hannes Schinder

 

Auszubildende der Physiotherapie der Uniklinik Essen

Auszubildende der Physiotherapie der Uniklinik Essen

(Foto: Schinder)

Am Dienstag forderten etwa 50 Auszubildende der Physiotherapie der Uniklinik Essen die Aufnahme ihrer Forderungen in die Tarifrunde der Länder. Unter dem Motto „Aktive Mittagspause“ versammelten sie sich während ihrer Pause, um zu zeigen, dass sie durch die finanzielle Lage „Blank bis auf die Knochen“ sind und stellen die Frage, warum sie keine Ausbildungsvergütung bekommen.

Viele Auszubildende, die in Krankenhäusern eine Lehre machen, werden für diese nicht entlohnt. Betroffen sind die fachschulischen Ausbildungsgänge wie Diätassistenz, Physiotherapie, Logopädie und Medizinisch-technische Labor- und Radiologieassistenz. Bundesweit sind davon etwa 10 000 betroffen, an der Essener Universitätsklinik etwa 250.
Für diese Auszubildenden existiert kein Tarifvertrag. Denn die fachschulische Ausbildung wird in einem Bundesgesetz geregelt, und darin ist keine Bezahlung vorgesehen. Die Auszubildenden erhalten aber auch keine Zuschüsse für ihre Fachbücher oder Fahrkarten. So müssen die Auszubildenden an Wochenenden, neben ihrer Ausbildung in Vollzeit, noch arbeiten gehen, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Dadurch haben sie häufig unzureichende Ruhepausen und nicht die ausreichende Zeit zum Lernen.
Die Jugend- und Auszubildendenvertretung in Essen (JAV) hat sich schon mehrfach an das Krankenhaus gewendet, um wenigstens eine Bezuschussung der Bücher durchzusetzen. Doch die Krankenhäuser stellen sich bei den Forderungen quer. Sie bemühen einerseits die finanziell angespannte Lage, und argumentieren weiter, dass die Krankenkassen kein Geld erstatten, solange keine gesetzliche Regelung besteht.
Daher hat sich die JAV in einem Schreiben an den ver.di-Bundesfachbereichsvorstand für Gesundheit und Soziales gewendet. In diesem Brief fordern sie ver.di auf, die Forderungen mit in die Tarifrunde der Länder zu nehmen und diese auch zu unterstützen. Darin heißt es: „Die Gewerkschaft ist hier in der Pflicht, sich auch für diese Menschen einzusetzen.“
Diese Forderungen beinhalten eine gesetzliche Regelung der Ausbildungsvergütung und die Abschaffung der Schulgebühren, die mancherorts von den Auszubildenden auch noch zu bezahlen sind. Und die betroffenen Ausbildungsberufe sollen in den Tarifvertrag aufgenommen werden. Dass eine gesetzliche Regelung möglich ist, zeigt die Situation der Krankenpfleger. „Es gab eine Zeit, in der die Krankenpflegeausbildung schulisch und ohne Vergütung war, das wurde schließlich auch geändert,“ sagt Alexander Mrosek von der JAV. Diese Änderung wird nun auch für andere Ausbildungsgänge gefordert.
Mit einer Aktion „Wir bluten für unsere Bücher“ machte die JAV im März auf das Problem in Essen aufmerksam. Dabei spendeten Auszubildende Blut, um ihre Lehrbücher finanzieren zu können. Denn pro Spende zahlt die Uniklinik 26 Euro Aufwandsentschädigung. Am 8. November startete die JAV die nächste Aktion unter dem Motto „Aktive Mittagspause“.
Für die Auszubildenden bleibt zu hoffen, dass ver.di ihre Forderungen mit in die Tarifrunde nimmt und auch durchsetzt. Und damit Ausbildung im Gesundheitswesen wieder attraktiver macht. Denn dass im Gesundheitswesen ein massiver Mangel an Fachpersonal herrscht, dürfte ein offenes Geheimnis sein.

übernommen von news-dkp

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