Zum DVD-Start "Der junge Karl Marx"

Freitag, den 01. September 2017
Paris, 1844, am Beginn der industriellen Revolution: Der 26-jährige Karl Marx lebt mit seiner Frau Jenny im französischen Exil.
Als Marx dort dem jungen Friedrich Engels vorgestellt wird, hat der notorisch bankrotte Familienvater für den gestriegelten Bourgeois und Sohn eines Fabrikbesitzers nur Verachtung übrig. Doch der Dandy Engels hat gerade über die Verelendung des englischen Proletariats geschrieben, er liebt Mary Burns, eine Baumwollspinnerin und Rebellin der englischen Arbeiterbewegung. Engels weiß, wovon er spricht. Er ist das letzte Puzzlestück, das Marx zu einer rückhaltlosen Beschreibung der Krise noch fehlt.
Marx und Engels haben denselben Humor und ein gemeinsames Ziel, sie können sich hervorragend miteinander betrinken, und sie respektieren und inspirieren sich als Kampfgefährten. Zusammen mit Jenny Marx erarbeiten sie Schriften, die die Revolution entzünden sollen.
Das “Gesicht“ der jungen linken Bewegung ist klar bestimmt: es trägt Mütze, hat einen verwegenen Haarschopf und zeigt sich häufig mit Zigarre. Che ist eben cool! Das zweite Gesicht, das nur vereinzelt ein hippes, in Bangladesch gefertigtes Shirt ziert, gehört einer Person mit altväterlichem Rauschebart, zu welcher sich der Zugang weitaus schwieriger gestaltet und mit unliebsamer Mühe verbunden ist, da er unweigerlich über die Lektüre von Büchern führt – vieler Bücher. Wissenschaftlicher Bücher! Puh.

Die Intuition, der Person Karl Marx als “Der junge Karl Marx“ in diesen Zeiten neues Leben einzuhauchen, ist bemerkenswert – es allerdings nicht einem alternden Nachkriegspublikum zuliebe zu tun, sondern gezielt für die völlig bezugsfreie Enkelgeneration, gleicht einer kleinen Sensation. Ein Zuschauerkreis, welcher die Gesellschaft der nach 1989/90 Geborenen repräsentiert, begegnet nun nicht nur einem jugendlichen, rebellischen Marx; es sieht sich einer Zeit und einer Vision gegenüber, zu welcher die BRD ihm (und schon seiner Eltern- und Großelterngeneration) nur widerwillig und verfälscht Zugang gewährt. Diese Tatsache fasziniert und ließ einige Erwartungen wachsen. – Der junge Karl Marx indes nimmt seine Aufgabe, die Sprache der “Generation Smartphone“ zu sprechen, überaus ernst. Er feiert, er trinkt, er läßt gemeinsam mit seinem Freund Friedrich Engels nichts aus. Eigentlich normal. Doch in diesem Fall verpaßt Regisseur Raoul Peck eine großartige Chance: die Jugend nicht – wie sie es heute gewohnt ist - zu unterschätzen, sondern herauszufordern, an ihr Verständnis und ihre Intelligenz zu appellieren. Daß dieser “kumpelhafte“ Karl Marx im Jahre 2017 die Kinosäle füllt, ist ein großes Glück – doch er steht zu häufig da wie ein Redner, dem die Stimme versagt. Die Anklänge seines jugendlichen Schaffens, die sich im Film finden, lassen zwar Tatendrang erahnen, doch eröffnen sie dem jungen Zuschauer nicht, was die Person Karl Marx so existenziell macht. Dem jungen Karl fehlen in seinem Enthusiasmus letztendlich die entscheidenden Argumente dafür, weshalb es gut und wichtig ist, statt zum Smartphone auch nach weit über 100 Jahren einmal zu seinem Werk zu greifen – denn der Anschein des Sperrigen, des Schwierigen seiner Worte bleibt ebenso ungeklärt im Raum wie die Beantwortung der drängenden und gerade für junge Menschen entscheidenden Frage, welche Rolle Marx für die (eigene) Zukunft spielt. War er einfach ein historischer Rebell, oder kann man seine Visionen loslösen aus jener Zeit, um sie praktisch zu nutzen? Und überhaupt: Welchen gewaltigen Einfluss hatte Marx‘ eigentlich später, im Alter, nach seinem Tod – und wo? Fragen, die Raoul Peck offen läßt. Der junge Karl Marx verliert sich in seiner großartigen, doch allzu gewaltigen Mission. Er bleibt eine Figur zwischen den Stühlen: auf der einen Seite sitzt eine junge Generation, die einen neuen, etwas “krassen“ und schwierigen Typ kennengelernt hat. Den Älteren auf der anderen Seite liefert dieser Marx keine neuen Impulse. So ist wohl seine wichtigste Botschaft an uns Marxisten gerichtet: Setzt da an, wo mir die Worte fehlen! Erinnert an den wirklichen Karl Marx!

Rezension von LM

Auf DVD und  Bluray erhältlich bei goodmovies ab 20.10.2017